Buch-Tipps & Buchbesprechungen

     

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Ulrich Lüttge:
Faszination Pflanzen.
Springer Spektrum. Berlin 2017. 373 S., mit zahlreichen, größtenteils farbigen Abbildungen. € 29,99 /sFr. 42,90
 

ISBN 978-3662529829

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Gottfried Brem (Hrsg.):
Geschlechtsabhängige Vererbung – mehr als Gender und Sex.
Gemeinsames Symposium der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Veterinärmedizinischen Universität Wien. 27. bis 28. März 2014 in Wien.
Nova Acta Leopoldina, Band 119. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart. 2016. 190 S., 39 Abb., 17 Tab., € 23,95/sFr. 32,40
 

ISBN 978-3804734159

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Gino Segrè, Bettina Hoerlin:
The Pope of Physics. Enrico Fermi and the birth of the atomic age.
Henry Holt & Co. New York 2016. 352 S., 22 Abb. € 26,95/sFr. 37,90
 

ISBN 978-1627790055

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J. Gokcezade, B.-A. Gereben-Krenn, J. Neumayer:
Feldbestimmungsschlüssel für die Hummeln Deutschlands, Österreichs und der Schweiz.
Quelle & Meyer Verlag. Wiebelsheim 2017. 56 S., 196 Schemazeichnungen,
€ 7,95/sFr. 10,90

ISBN 978-3-494-01715-0

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H. Macdonald:
Falke.
C. H. Beck. München 2017. 240 S., 71 Abb., € 19,95/Fr. 29,90

ISBN 978-3-406-70574-8

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C. Safina:
Die Intelligenz der Tiere.
Wie Tiere fühlen und denken.
C.H. Beck. München 2017. 523 S., 23 Abb., 4 Karten. € 26,95/sFr. 38,90
 

ISBN 978-3-406-70790-2

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Buchbesprechungen

     

Ulrich Lüttge:
Faszination Pflanzen.

Die Welt um uns und damit die Pflanzen, als Faszinosum zu erkennen, erfordert Begeisterungsfähigkeit. Das Faszinierende einem breiten Leserkreis zu übermitteln, bedarf der Fähigkeit zur packenden Darstellung. Beide Gaben sind dem Autor des Buches, Ulrich Lüttge, in reichem Maße zu Eigen. So ist ein ungemein spannendes, zum Nachdenken anregendes Werk entstanden. Es wendet sich an den interessierten Laien ebenso wie an den akademisch ausgebildeten Botaniker. Glaube niemand, er wüsste schon alles, denke niemand, ihm seien alle Zusammenhänge zwischen Pflanzen und der Welt, in der sie entstanden sind, in der sie leben und in der sie fundamentale Bedeutung erlangt haben, ohnehin schon klar. Der Rezensent bekennt gerne, dass er als Botaniker das Buch mit großem Gewinn gelesen und so manches erfahren hat, was ihm zuvor nicht oder nicht so eingehend bewusst geworden war.
Das Buch führt in das Leben der Pflanzen unter ungewöhnlichen, oftmals metaphysischen Aspekten ein, bleibt dabei aber doch weitgehend allgemein verständlich. An den Stellen, wo es für den Leser vielleicht etwas schwieriger ist, dem Sachverhalt in allen (z. B. physikochemischen) Einzelheiten auf Anhieb zu folgen, ist doch stets der dahinterstehende Grundgedanke leicht erfassbar, allein schon durch die geschickte Formulierung der Kapitel-Überschriften. Denn schon diese Überschriften versprechen eine spannende Lektüre. Um nur einige exemplarisch herauszugreifen, seien genannt:
Die erste Energiekrise des Lebens und die Lösung durch die Fotovoltaik grüner Zellen – Pflanzen haben eine Uhr – Pflanzen haben ein Gedächtnis (z. B. an vorab ihnen zugefügte Nadelstiche) – Pflanzen ernähren die Welt – wie ernähren sich die Pflanzen? usw.
Aufgelockert wird das Vermittelte durch wissenschaftsgeschichtliche Hinweise, durch Zitate aus der Dichtung, durch Bezüge zu unserer alltäglichen Erfahrungswelt, zu den akademischen Lehrern des Autors usw. Details zur Biographie des Autors erschließen sich indirekt auch aus den zahlreichen wiedergegebenen Photos. Alle Bilder ohne Quellenangaben, die sonst stets penibel ausgeführt wurden, sind von ihm selber in bisweilen entlegenen Teilen der Welt aufgenommen worden (auf deren farb- und detailgetreue Wiedergabe der Verlag vielleicht etwas mehr Sorgfalt hätte aufwenden können).
Der Autor schildert in klarer und lebendiger Sprache die erdgeschichtliche Entfaltung der Pflanzen und die dabei erworbenen Eigenschaften (oder gemachten Erfindungen) für ein Leben in ihrer oftmals herausfordernden Umwelt. Die bahnbrechende Innovation, welche erstmals durch Bakterien in unsere Welt gebracht wurde, ist die Nutzung der Sonnenstrahlung zur Gewinnung von organischer Substanz (Autotrophie). Höher organisierte Lebewesen wurden zu Pflanzen, indem sie sich diese Fähigkeit einverleibt haben (Endocytobiose von autotrophen Bakterien). Ein besonders wichtiger weiterer Schritt für die Pflanzen war die Eroberung des Landes, ausgehend vom ursprünglichen Leben im Wasser. Dass dieser Vorgang einerseits mit Vorteilen, andererseits mit Nachteilen verbunden war und Anpassungen besonderer Art erforderlich machte, wird vom Autor sehr einleuchtend dargestellt. Ohne entsprechende Vorkehrungen hätten die Pflanzen an Land in der vorgegebenen alternativen Zwangslage des Verdurstens oder Verhungerns nicht existieren können; die Erfindung regulierbarer Spaltöffnungen (Stomata) und besonderer Stoffwechselwege boten Auswege aus diesem Dilemma.
Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Darlegung der physiologischen Vorgänge in Pflanzen, ohne den Blick auf die damit verbundenem morphologischen und anatomischen Strukturen zu vernachlässigen. Pflanzen als Vorbilder und Ideengeber für Produkte und Verfahren der Technik (Bionik) werden beispielhaft ausgeführt, von der Entwicklung des Stacheldrahtes (nach in der Natur vorgegebenen Abwehreinrichtungen bei Maclura pomifera, Moraceae) bis zur Entwicklung von Photozellen zur Stromgewinnung nach dem Vorbild der Thylakoide und ihrer Pigmente in den Chloroplasten (Grätzel-Zelle).
Die Darlegung der Leistungen der Pflanzen führt in weiterreichenden Gedankenschienen zu existenziellen Gesichtspunkten, die uns alle angehen, wie auch zur metaphysischen Ebene des Suchens nach tieferer Erkenntnis.
Können wir die Biosphäre der Erde als einen sich selber regulierenden großen Gesamtorganismus auffassen, dem der Namen Gaia gegeben wurde? Eine endgültig schlüssige Antwort darauf gibt es nicht. In jedem Falle zeichnen sich gravierende Folgen für die sich dramatisch vermehrende Menschheit auf diesem Globus ab (mit allen daraus resultierenden Eingriffen in das Gesamtgefüge von Vernetzungen und Ressourcen). Gleichgültig, ob man die Biosphäre der Erde als insgesamt zusammenhängenden Gesamtorganismus (Holoorganismus) auffasst oder auch nicht, ist das Leben auf der Erde zeitlich limitiert. Das gilt aufgrund des programmierten Zelltodes jedenfalls für alles individuelle Leben von Mehrzellern. Für das Leben auf dem Planeten in seiner gesamten Vielfalt ist dessen Ende wegen seiner Abhängigkeit von der Sonne ebenfalls vorausbestimmt. Die Wirkungsfolge Sonne, Pflanzen (Primärproduzenten), Tiere und Mensch (Konsumenten) ist von der Sonneneinstrahlung abhängig. Sie wird lediglich eine begrenzte Zeit von einigen Milliarden Jahren ein Leben auf der Erde noch ermöglichen. Pflanzen und mit ihnen Tiere und Menschen werden dann aussterben. Gemäß den Ausführungen des Autors sind bereits 80% der Gesamtzeit vergangen, in denen Leben auf diesem Planeten möglich war und ist. Für die verbleibenden 20% wird man kaum Prognosen stellen können. Ein Weiterbestehen der Menschheit auf der Grundlage von Pflanzen wird nur möglich sein, wenn deren Leistungen für den Menschen optimiert werden. Ohne Pflanzen wäre dies bestenfalls nur möglich, wenn deren elementarer Beitrag zur Ernährung dieser Welt durch technische Verfahren (synthetische Nahrungsmittel) gänzlich ersetzt werden könnte.
Die Ernährung der Weltbevölkerung, so das nachvollziehbare Fazit des Autors, wird in naher Zukunft nur zu sichern sein, wenn die Gentechnik zum intensiv angewandten Mittel wird, um Erträge zu steigern, Qualitäten zu verbessern und Resistenzen von Kulturpflanzen zu befördern. Die biologisch-ökologischen Risiken wären hierbei eher zu vernachlässigen. Marktbeherrschende Tendenzen einzelner Firmen könnten durch wirtschaftspolitische Regularien unter Kontrolle gehalten werden. So bleiben die irrationalen Vorbehalte von Politik und Öffentlichkeit gegenüber der Gentechnik unverständlich, zumal diese Errungenschaft ein geeignetes Mittel wäre, um Umweltbelastungen, wie sie etwa durch den Einsatz von Pestiziden sich ergeben, zu mindern. Gentechnik wird ja ohnehin in der Natur ohne Zutun des Menschen eingesetzt. Von Mikroorganismen (Agrobacterium tumefaciens) praktizierte Gentechnik gegenüber ihren pflanzlichen Nahrungsquellen gehört zu den faszinierenden Beispielen der Anpassung an Erfordernisse, die das Leben so mit sich bringt.
Eine weitgehende Versorgung der Menschheit mit synthetischen Nahrungsmitteln muss nach Einschätzung des Autors schon aufgrund des dafür erforderlichen hohen Energiebedarfs in den Bereich der Utopie verwiesen werden. Ob die vorhin schon genannte Grätzel-Zelle einen ersten Schritt zur technischen Primärproduktion von Kohlehydraten aus Kohlendioxid und Wasser darstellt, ist zweifelhaft, wenn auch der dabei erzielte Energiegewinn vielversprechend ist und noch optimiert werden kann.
Die für das Leben auf der Erde verfügbare Zeitspanne übersteigt bei Weitem den zu erwartenden Zeithorizont, der für die Existenz der Menschheit vernünftigerweise angenommen werden kann. Wie man die Dinge sich auch zurechtlegen mag, es bleibt wenig Raum für grenzenlosen Optimismus.
Zurück zur Gegenwart: Der Autor setzt sich mit guten Argumenten für den Erhalt der Biodiversität ein. Freilich wird man sich aus Sicht des Rezensenten damit abfinden müssen, dass dies nicht in einem absoluten Sinne erreichbar ist und wir eher einem System zusteuern, welches gerade eben so viel Diversität zulässt, wieviel unabdingbar für das Überleben der Menschheit notwendig erscheint. Man muss dabei allerdings befürchten, dass große (vorab oft nicht einschätzbare) Risiken für irreversible Schäden, wie auch Verluste an genetischem Potential in Kauf genommen werden. Ob eine derart verarmte Welt noch lebenswert und tragfähig wäre, ist mehr als zweifelhaft.
Zum Ausklang des Buches Faszination Pflanzen kommt der Autor auf zwei besondere Aspekte zu sprechen:
Der Reiz, den die Pflanzenforschung bietet, ist ungebrochen groß und hat unser Verständnis vom Leben entschieden vertieft. Demgegenüber wäre die provokante These Viktor von Weizsäckers (1919/1920, herausragender Vertreter der psychosomatischen Medizin) zurückzuweisen, dass nämlich jeder Schritt, den die Bio­logie tut, sich vom Leben eigentlich fortbewegen würde, anstelle zu ihm hinzuführen. Auch „Transzendenz braucht Naturwissenschaft“ ist die darauf gegebene Antwort im Buch.
Der andere Aspekt betrifft unser ästhetisches Empfinden besonders gegenüber den Pflanzen. An der Ästhetik, welche uns Pflanzen bieten, können wir uns erfreuen. Wir können dabei durchaus auch jene Muster von Formen und Farben erkennen, welche solche Empfindungen in besonderer Weise hervorrufen (z. B. Anordnung von Teilen nach den Regeln des Goldenen Schnittes). Aber nicht immer muss dabei unser Verstand alles ergründen wollen.

Prof. Dr. Andreas Bresinsky, Regensburg

 

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Gottfried Brem (Hrsg.):
Geschlechtsabhängige Vererbung – mehr als Gender und Sex.


Eigentlich sollte man dieses Buch schon alleine wegen der Einleitung lesen, welche ein Meisterwerk des subtilen Diskurses und der humorvollen Ironie ist. Präzise zerlegt Prof. Dr. Gottfried Brehm, Wien, den weit verbreiteten Unsinn der fehlgeleiteten Gleichberechtigung in Wort und Schrift. Ist es tatsächlich Gleichberechtigung, wenn das lexikalisch festgelegte, grammatisch korrekte männliche Geschlecht (der Student) in vermeintlicher politischer Korrektheit biologisiert wird (die Studentin)? Erstaunlich, dass sich dieser Unsinn bisher nicht auf das Tierreich ausgebreitet hat; der Kater würde sich wundern, wenn er plötzlich keine Katze mehr wäre.
Wesentlich sachlicher werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Hauptteil des Buches beleuchtet. Die Beiträge in diesem Band basieren auf wissenschaftlichen Vorträgen eines von der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Veterinärmedizinischen Universität Wien im Jahr 2014 veranstalteten Symposiums. Das Thema „Geschlechtsabhängige Vererbung“ wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, was sehr interessant ist, da man dadurch sehr unterschiedliche Forschungsgebiete kennenlernt. So erfährt man beispielsweise, dass geschlechtsgebunden vererbte Krankheiten wie die Hämophilie, welche zu den am längsten bekannten genetischen Erkrankungen beim Menschen gehört und bereits im Talmud Erwähnung fand, auch bei mindestens 30 Hunderassen auftreten können. Oder dass der Einfluss der mitochondrialen Vererbung auf die Milchleistung von Rindern relativ gering ist. Andererseits erlauben Studien der mitochondrialen DNA ganz neue Einblicke in die Entwicklungsstränge von Pferden bis zurück zur postglazialen Periode. Auch eignet sich diese ausschließlich mütterlich vererbte DNA für die langfristige Zuchtplanung. Bei Nilbuntbarschen könnte in der Aquakultur auf eine Geschlechtsselektion mittels Hormongabe verzichtet werden, wenn es gelänge, die komplex genetischen Grundlagen der temperatursensitven Geschlechtsdifferenzierung zu verstehen. Damit wäre es möglich, die Tiere mit diesem Merkmal gezielt für den gewünschten vorwiegend männlichen Zuchtbestand zu selektieren.
Natürlich dürfen in dieser sehr lebendigen Mischung von Kurzberichten auch Beiträge zur epigenetischen Vererbung nicht fehlen. Dort lernt man, dass bei russischen Mastschweinen die durchschnittliche Dicke der Speckschicht deutlich gesteigert werden könnte, wenn bevorzugt Tiere gezüchtet würden, welche im IGF2-Gen an Position 3072 das Nucleotid G aufweisen. Wobei dieser Polymorphismus allerdings nur dann zu einem speckigeren Schwein führt, wenn er vom Vater geerbt wird. Das mütterlich geerbte Allel wird dagegen in der Keimbahn abgeschaltet, da das IGF2-Gen einem Imprinting unterliegt.
Für den interessierten Laien ist dieses Buch sicher nicht ganz einfach zu lesen, da die meisten Beiträge sehr fachspezifisch sind. Lohnen tut sich die Mühe aber sicherlich, da man selten die Gelegenheit bekommt, so kompakt einen Einblick in unterschiedlichste Forschungsrichtungen zu erhalten.
Prof. Dr. Ortrud Steinlein, München

Prof. Dr. Ortrud Steinlein, München
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Gino Segrè, Bettina Hoerlin:
The Pope of Physics. Enrico Fermi and the birth of the atomic age.

Erstautor des vorliegenden Buches ist Gino Segrè, ein Neffe des Nobelpreisträgers Emilio Segrè und ebenfalls Physiker, der zusammen mit seiner Frau Bettina Hoerlin diese gelungene Biographie schrieb. Dazu besuchte das Paar alle Wirkungsstätten Fermis in Italien und Amerika. Sie kamen bald zu dem Schluss, dass der ungarisch-amerikanische Physiker Edward Teller (1908 – 2003) recht hatte mit seiner Bemerkung, dass es in Los Alamos (der berühmten Atombombenfabrik) nur einen gebe, der noch smarter sei als er selbst, und das sei Fermi (1901 – 1954); ganz offensichtlich ein echtes Genie, das sofort alles konnte.
Enrico Fermi wurde in eine gut-bürgerliche römische Familie geboren. Im Alter von 17 Jahren bestand er mit den höchsten Noten die Eintrittsprüfung für die private Universität Scuola Normale in Pisa, die ihm schon vier Jahre später den Doktortitel verlieh. Anschließend ergatterte er Postdoktorandenstellen in Göttingen und eine weitere in Leiden, wo er Ehrenfest und Einstein kennenlernte.
Fermis Laufbahn hätte als Leiter eines Instituts für theoretische Physik einen würdigen Höhepunkt gefunden. Leider gab es in ganz Italien kein solches Institut; man musste eines ad hoc gründen. Eine geeignete Immobilie fand sich 1927 in Rom an der Via Panisperna. Fortan galt Fermis Gruppe als die „Knaben der Via Panisperna“, waren sie doch jung, größtenteils unter 24. Den Kern der Gruppe bildeten Amaldi, Rasetti und Segrè. Dazu gesellte sich etwas später Ettore Majorana. Alle erhielten einen Beinamen. Fermi bezeichnete man als (nicht ganz unfehlbaren) „Papst“.
Die Biographie folgt den wichtigsten Triumphen der Kernphysik, an denen Fermi mit seiner Gruppe Anteil hatte, wobei auch über Bereiche berichtet wird, zu denen Fermi nicht unmittelbar beigetragen hat, so dass die Leser einen Einblick in die Geschichte der Atomphysik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erhält.
So war die Entdeckung des Neutrons und der damit verbundenen starken Kernkraft durch James Chadwick (1891 – 1974) im Jahre 1932 eine echte Sensation. Neutronen halten über die starke Kernkraft (der auch die Protonen unterworfen sind) den Atomkern zusammen, trotz der gegenseitig abstoßenden Wirkung der elektrisch positiv geladenen Protonen. (Wie das möglich ist, konnte erst rund 30 Jahre später durch die Entdeckung der Quark-Gluonen- Wechselwirkung im Rahmen der Quanten-Chromodynamik erklärt werden.)
Mit den Neutronen ergaben sich neue Möglichkeiten, an die Forschungen zur induzierten Radioaktivität anzuknüpfen, die von den Joliot-Curies gerade bei der Bestrahlung von Aluminiumfolie mit Alphateilchen entdeckt worden war. Bald wurden an der Via Panisperna die Elemente des Periodensystems eines nach dem anderen mit Neutronen bombardiert. Wenn die Probe anschließend radioaktiv wurde, waren neue, instabile Isotope entstanden. Nach dem Bombardieren einer Uranprobe gab es Probleme: Hatte man ein, oder sogar zwei Elemente schwerer als Uran, also Transurane, geschaffen? Obwohl die Presse jubelte, als Fermi darüber 1934 in Nature berichtete, hatte dieser doch selbst gewisse Bedenken – wie sich herausstellte, zu recht: Die Chemikerin Ida Noddack zerriss Fermis Arbeit: In ihrer (korrekten) Deutung hatte er lediglich die Spaltung des Urankerns bewirkt.
Das Idyll der Via Panisperna dauerte nicht sehr lange. In Anbetracht von Mussolinis antisemitischen Gesetzen hatte Fermi ein Angebot der Columbia University in New York angenommen. Mit seiner Frau Laura, die Jüdin war, und ihren beiden Kindern fuhr er Ende 1938 nach Amerika, zwei Wochen nach der Verleihung des Nobelpreises. Er erhielt ihn u. a. für die „Entdeckung“ der Transurane Ausonium und Hesperium. Doch wie bereits erwähnt entpuppten sich Fermis Transurane wenig später als Fissionsprodukte des Urans. Eine peinliche Sache, doch hat Fermi aus zahlreichen anderen Gründen den großen Preis dennoch verdient.
Um die Jahreswende 1938/39 fanden dramatische Entwicklungen statt, die auch Fermis weiteren Lebensweg tiefgreifend beeinflussen sollte: Die Entdeckung der Kernspaltung durch Hahn und Straßmann und ihre korrekte Deutung durch Lise Meitner und ihren Neffen Otto Robert Frisch. Auf diesen epochalen Einschnitt wird, wie auch auf andere Forschungen und Entwicklungen der Atomphysik, in angemessener Weise eingegangen, bilden sie doch das stimulierende Umfeld, in dem Fermi mitmischte und zu immer neuen Leistungen angetrieben wurde.
Er verbrachte glückliche Jahre in New York, wurde aber bald in das militärische und politische Geschehen hineingezogen. Er kam der Aufforderung nach, im Rahmen des Manhatten Projekts immer größere, mit Graphit moderierte Reaktoren zu bauen und zog nach Chicago um. Dabei zeigte sich, dass Fermi nicht nur ein großer Physiker, sondern auch ein begnadeter Ingenieur war. Die letzte Reaktorversion umfasste 45 000 Graphitklötze. Kritikalität wurde am 2. Dezember 1942 durch langsames Hinausziehen der Kontrollstäbe erreicht. Der weltweit erste Kernreaktor blieb 4 Minuten lang in Betrieb und lieferte ein halbes Watt. Danach wurde er demontiert und im Süden Chicagos neu aufgebaut. Er kam nun auf eine Leistung von 100 Kilowatt. Auf dieser prekären Basis musste die Firma DuPont die Reaktoren von Hanford bauen, die das Plutonium für die Bombe von Nagasaki lieferten. Für eine Uranbombe benötigte man mit dem Isotop U-235 stark angereichertes Uran, das nach dem Gasdiffusionsprinzip gewonnen wurde.
Über die Geschichte von Los Alamos wurde schon zahlreiche Male berichtet, aber immer mit dem Direktor J. Robert Oppenheimer im Zentrum. Das Buch von Segrè und Hoerlin macht erstmals die Beiträge Fermis deutlich. Als „Enemy alien“ wurde er zum chefwissenschaftlichen Berater in Los Alamos ernannt. Amüsant sind die Anekdoten zu einigen der zahlreichen, meist sehr jungen Physiker, die nach Los Alamos kamen. Dessen Bevölkerung stieg auf über 6000 Einwohner, was den für die Logistik verantwortlichen General Groves vor schwierige Probleme stellte.
Das Zünden der Uran-235-Bombe nach dem „Kanonenprinzip“ (hierbei wurde eine unterkritische Masse U-235 mit Sprengstoff in eine stationäre, ebenfalls unterkritische Masse geschossen) war außerordentlich einfach. Doch der Produktionsreaktor für Plutonium-239 war ein Sorgenkind. Auch die Zündung der Plutonium-Bombe nach dem anspruchsvolleren Implosionsprinzip war außerordentlich schwierig. (Wegen der erforderlichen kugelförmigen Implosionsstruktur war diese Bombe im Gegensatz zur „schlanken“ Uran-Bombe ausgesprochen „dick“, daher die Bezeichnungen „Little man“ und „Fat man“.) Die nötigen Tests der Bombe erfolgten bei Alamogordo in der Wüste New Mexicos. Dass diese so entscheidende und weltpolitisch epochale Episode nur gestreift wird, ist bedauerlich. Allzu knapp wird auch auf die Entwicklung der Hiroshima-Uranbombe und der Nagasaki-Plutoniumbombe eingegangen, die ohne Fermi nicht zustande gekommen wären.
Die letzten 50 Seiten des Buches fassen die endlosen Debatten zusammen, die nach der Kapitulation Japans über die militärischen, politischen, sozialen, ethischen und wirtschaftlichen Aspekte der Kernenergie geführt wurden. Fermi war aber an derartigen Fragen nicht interessiert; ihn faszinierte, mit jungen, brillanten Physikern zu forschen, und die Wissenschaft voranzubringen. Dazu war er von Los Alamos nach Chicago zurückgekehrt, wo seine Professur auf ihn wartete. Doch ab 1953 wurde er von schweren Magenstörungen geplagt. Eine Operation zeigte, dass er an einem bereits metastasierenden Magenkrebs litt und nur noch wenige Monate zu leben hatte. Mit diesem Schicksal war er wie die Autoren schreiben „zufrieden“. Er war überzeugt, dass die wesentlichen Aspekte der Kernphysik (nicht zuletzt dank ihm) bekannt geworden waren. Eine 20 oder 30 Jahre längere Lebenszeit hätte Fermi gelehrt, dass er sich auch darin geirrt hat.

Dr. Lucien F. Trueb, Ebmatingen-Zürich

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