Buch-Tipps & Buchbesprechungen

     

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Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, BGR (Hrsg.):
Bodenatlas Deutschland – Böden in thematischen Karten
E. Schweizerbart’schen Verlagsbuchhandlung (Nägele & Obermiller). Stuttgart 2016.
144 S., 67 Abb., 8 Tab., € 38,80/sFr. 47,90
 

ISBN 978-3510968558

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Roman Göbel, Gerhard Müller, Claudia Taszus (Hrsg.):
Ernst Haeckel: Ausgewählte Briefwechsel. Band 1: Familienkorrespondenz 1839 – 1854.
Hrsg. der historisch-kritischen Ausgabe: Thomas Bach im Auftrage der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Franz Steiner Verlag. Stuttgart 2017. 649 S., 30 s/w Abb., 40 Tafeln mit 46 Farbabb., € 139,–/sFr. 173,90
 

ISBN 978-3515112901

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Wilhelm Füßl, Andrea Lucas, Matthias Röscher (Hrsg.):
Wirklichkeit und Illusion. Die Dioramen im Deutschen Museum.
Deutsches Museum Verlag. München 2017. 320 S., ca. 140 Abb., € 24,–
(Museum: € 18,–)
 

ISBN 978-3940396587

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R. Donzé, F. Pfister (Hrsg.):
Die Kraft der Sinne.
Wie wir sehen, hören, tasten, riechen, schmecken.
NZZ Libro. Zürich 2016. 182 S., 48 Abb. u. Graf., € 48,–/sFr. 38,–

ISBN 978-3-03810-198-7

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E. W. U. Küppers:
Die humanoide Herausforderung. Leben und Existenz in einer anthropozänen Zukunft.
Springer. Berlin, Heidelberg 2017  XVI, 390 S., 117 Abb., € 29,99/sFr. 43,90
 

ISBN 978-3-658-17919-9

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N. Welch. C. Liebmann, J. Schwab:
Erde und Leben.
Die Geschichte einer innigen Wechselbeziehung.
Springer. Berlin, Heidelberg 2017 XIV, 334 S., € 39,99/sFr. 52,90


ISBN 978-3-662-53868-5

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Buchbesprechungen

     

Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, BGR (Hrsg.)
:
Bodenatlas Deutschland – Böden in thematischen Karten

Böden sind wirklich mehr als Dreck! Das wird gleich sichtbar, wenn wir den Bodenatlas Deutschland – Böden in thematischen Karten aufklappen und staunend die sehr gut ausgewählten, großformatigen Bilder zu Böden und Landschaften sehen. Auch die Graphiken und Tabellen zu bodenbezogenen, aktuellen Themen sind exzellent. Jedes einzelne Thema wird in einem farblich hervorgehobenen Textfeld (unter: kompakt) zusammengefasst, und so verliert der Leser nie den Überblick. Die aussagekräftigen Photos zu Landschaften und Böden sowie die thematischen Karten sind das Herzstück dieses Atlas, der mit dem angemessenen Format (36,5 x 30,4 cm) nicht ganz handlich ist und einen eigenen Platz zur Ablage in den Bücherschrank erfordert. Nach den beiden gelungenen Vorworten zur Bedeutung von Böden für unsere Gesellschaft von bundesamtlich zuständiger Seite (Umweltminister und Präsident der als Herausgeber fungierenden Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe) verweilen wir einen Augenblick im Inhaltsverzeichnis mit ansprechender, zum gezielten Nachschlagen einladender Bilder-Kopfzeile zur Landnutzung.
Die Einleitung hebt den Stellenwert kartographischer Darstellungen hervor und macht deutlich, dass diese ein Medium mit Zukunft sind (Digitaler Bodenatlas Deutschland: www.bodenatlas.de)
Was Böden mit ihren unverzichtbaren Funktionen sind, und was das Besondere an Bodenkarten ist, das erfahren wir im Kapitel 1 und wir nehmen mit, dass Böden nicht nur echte Multitalente, sondern auch unsere multifunktionale Lebensgrundlage sind. Ein lesenswerter Einstieg!
Das zweite Kapitel behandelt die wichtigsten Grundlagen zur Entstehung unserer Böden, ihrer wichtigsten Bildungsfaktoren (Gestein, Relief, Klima) und welche Bedeutung sie für die Landnutzung haben. Es wird klar: Die Entstehung der Bodenvielfalt braucht Jahrtausende bis Jahrmillionen, jedoch nur wenige Stunden, um fruchtbare Ackerkrume durch unsachgerechte Landnutzung zu vernichten.
Kapitel 3
zeigt uns wie Böden aufgebaut und zusammengesetzt sind (Bodenkörnung, organische Substanz) sowie wie sie in Karten dargestellt werden und bringt uns damit die Vielfalt unserer Böden in Deutschland näher. Wer weiß schon, dass in Deutschland fast alle Bodentypen vorkommen, die unsere Erde zu bieten hat? Diese Pedodiversität schafft die Grundlagen für die Biodiversität unserer Ökosysteme.
Das Thema „Boden und Wasser" (Kapitel 4) ist von zentraler Bedeutung und macht deutlich, dass Böden die Quantität und Qualität des Grundwassers beeinflussen und unsere Trinkwasserreserven speichern sowie wesentliche Funktionen im Wasserhaushalt unseres Erdsystems erfüllen.
Kapitel 5
bringt uns in sehr verständlicher Form die Filter-, Speicher- und Pufferfunktion von Böden näher und wie Gehalte und Mobilität von Nähr- und Schadstoffe im Boden die Qualität unserer Nahrungsmittelproduktion steuern.
In Kapitel 6 „Boden in Gefahr" geht es um Bodendegradation durch Wind- und Wassererosion sowie durch Bodenverdichtung. Hier ist einmal nicht die Nitratbelastung in Grundwasserleitern Deutschlands Thema. Wen dies interessiert, der wird u. a. in einem weiteren „Bodenatlas 2015" der Heinrich-Böll Stiftung (www.boell.de/bodenatlas) fündig – allerdings ist diese Broschüre eine eigene, kritische Buchbesprechung wert.
Boden als Grundlage der Landwirtschaft und zwei bewährte Bewertungsverfahren (Bodenschätzung, Münchberger Bodenqualitätsranking) zum natürlichen Ertragspotential von Böden sind Gegenstand von Kapitel 7. Sie führen eindrücklich die Komplexität der Böden vor Augen und können uns für die Welt unter unseren Füßen sensibilisieren.
Der Anhang bietet neben dem Literatur- und Abkürzungsverzeichnis auch ein äußerst nützliches Glossar.
Insgesamt ist der Bodenatlas der BGR ein „klassischer" Beitrag zu Böden in Deutschland und ein gelungenes Nachschlagewerk zu fast allen wichtigen Bodenthemen, das in keiner mit Boden befassten Einrichtung fehlen darf. An manchen Stellen wäre eine weitergehende Behandlung von Problemen im Umgang mit Böden wünschenswert gewesen, so fehlen z. B. Themen wie „Böden ernähren uns zwar, aber nicht alle Menschen" – „Wir verbrauchen zu viel Fläche und damit zu viel Boden in Deutschland" – „Warum ändert sich nichts hinsichtlich der Nitratbelastung in der EU?" – „Warum leistet der Öko-Landbau einen wesentlichen Beitrag zum Bodenschutz?" und etliche andere Aspekte mit soziökonomischer Relevanz. Auch ein Inhaltsverzeichnis zum Nachschlagen wäre eine sinnvolle Ergänzung für die zweite Auflage.
Der Gegenstand „Boden" hat es nicht leicht in unserer mit Informationen überfrachteten Zeit. Mit einem farbenprächtigen Eisvogel (Vogel des Jahres 2009) kann man sicherlich mehr Menschen begeistern als mit einer rostig-grauen Kalkmarsch (Boden des Jahres 2009). Da hilft der vorliegende Atlas, um sich mit der begrenzten Ressource Boden und der Schönheit von Böden zu befassen und sich einen ruhigen Platz zum Nachdenken zu suchen. Der Bodenatlas der BGR trägt zur Schaffung und Stärkung des „Bodenbewusstseins" bei. Ein großes Kompliment an die Herausgeber und den Verlag.

Prof. Dr. Eva-Maria Pfeiffer, Hamburg

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Roman Göbel, Gerhard Müller, Claudia Taszus (Hrsg.)
:
Ernst Haeckel: Ausgewählte Briefwechsel. Band 1: Familienkorrespondenz 1839 – 1854. 


Mit einer geradezu furiosen Einleitung der Herausgeber beginnt der erste Band eines ungewöhnlich ambitionierten Werkes – des ersten Bandes von Briefwechseln des höchst einflussreichen Biologen, Künstlers, auch Philosophen Ernst Haeckel (1834 – 1919). Schon 2005 war in den Annals of the History and Philosophy of Biology angekündigt worden, dass seine Korrespondenz im Ernst-Haeckel-Haus in Jena in Anlehnung an ein vergleichbares, in England betreutes Projekt zu Charles Darwin zusammengetragen werde, rund 40 000 Briefe von über 9000 Korrespondenten aus 72 Ländern, die nun nach Gebieten geordnet im Verlaufe eines Langzeitprojektes erscheinen werden. Der thematisch breit gefächerte Briefwechsel Haeckels wird einleitend als eine der zentralen und aussagekräftigsten Quellen für die Geschichte der Biowissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eingeschätzt – zu Recht, hatte Haeckel doch als stürmisch voranschreitender Evolutionsbiologe wie niemand sonst in jener Zeit nicht nur die Lebenswissenschaften weiterzuentwickeln geholfen, sondern, wie es heißt, „auf die soziale und kulturelle Konsolidierung der Naturwissenschaften überhaupt" großen Einfluss genommen. Den Bogen von familiären Briefen bis hin zu den Berichten seiner zahlreichen Reisen spannend, gewähren seine Briefe auch detaillierte Einblicke in zeitgeschichtliche Ereignisse wie die 1848er Revolution, den deutsch-französischen Krieg mit der nachfolgenden Reichsgründung, die Politik Otto von Bismarcks (dem Haeckel einen Ehrendoktortitel verschaffte) oder die verheerende Entwicklung hin zum Ersten Weltkrieg. Zunächst hatte Haeckel, nach eigener Aussage bekennender Pazifist, eine deutsch-französische Friedensgesellschaft und die erste Friedensnobelpreisträgerin, Berta von Suttner, unterstützt, sich dann aber in einen unseligen Nationalismus verrannt.
 
Mehrere Buchveröffentlichungen mit Briefen Haeckels, meist unter bestimmten Aspekten zusammengestellt, sind schon zu seinen Lebzeiten und in den ersten Jahren nach seinem Tod erschienen, doch die enorme Bedeutung Haeckels, der sich mit der konsequenten gesellschaftlichen Verankerung der Evolutionserkenntnis in einem heftigen Kulturkampf sah, wird erst mit der Veröffentlichung des gesamten Briefbestandes vollkommen fassbar werden. Parallel zu diesem Vorhaben bietet sich die erneute Lektüre seiner Hauptwerke an, von denen die Welträtsel (1. Auflage 1899) allein zu einer Tausende von Briefen umfassenden Korrespondenz geführt hatten, legte er doch darin seine naturwissenschaftliche Weltsicht einem breiten Publikum in zum Teil provokanten Formulierungen vor. Die Online-Ausgabe der Briefwechsel wird bis 2037 seine gesamte bekannt gewordene Korrespondenz erschließen, in der gedruckte Ausgabe wird, sorgsam kommentiert, in 25 Bänden ein Zugriff auf bis zu 9000 Briefe ermöglicht. Die letzten Bände werden auch Haeckels künstlerische Schriftwechsel enthalten. Diese werden für viele von besonderem Interesse sein, ist er doch als begnadeter Zeichner mit seinen akribischen Darstellungen der verschiedensten Lebensformen, oft von mikroskopisch kleinen Meeresorganismen, einer der Stimulatoren von Jugendstil-Motiven (und der Gestaltung des monumentalen Eingangstores zur Pariser Weltausstellung 1900) geworden, und hat er doch als Landschaftsmaler Tausenden bildlichen Zugang zu exotischen Regionen gewährt.
Der erste Band, reich mit zeitgenössischen Graphiken und Photographien illustriert, eröffnet nun die Familienkorrespondenz, beginnend mit einem Geburtstagsbrief an den Fünfjährigen. Spätere Briefe belegen in ergreifender Weise, von welchen Selbstzweifeln der überaus sensible junge Student Haeckel geplagt war, der bei einigen der berühmtesten wissenschaftlichen Koryphäen seiner Zeit Lehrveranstaltungen zu besuchen das Glück hatte, darunter Rudolf Virchow, Albert Kölliker, Johannes Müller und Franz Leydig. Mit Briefen aus dem Jahre 1854 endet dieser erste Band. Man kann nicht gespannt genug sein auf das Erscheinen der Folgebände, von denen einer der nächsten die glücklichsten und auch tragischsten Phasen seines Lebens beleuchten wird: Seine ersten grandiosen wissenschaftlichen Erfolge, den frühen plötzlichen Tod seiner innig geliebten Frau Anna an seinem 30. Geburtstag und sein daran anschließendes verzweifeltes Arbeiten bis an die Grenzen des physisch Möglichen, das zu einer Revolution der Biologie führte und den Grundstein zu seinem naturwissenschaftlich-philosophischen Werk legte.
Prof. Dr. Rainer Willmann, Göttingen
 

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Wilhelm Füßl, Andrea Lucas, Matthias Röscher (Hrsg.):
Wirklichkeit und Illusion. Die Dioramen im Deutschen Museum.

Kurz vor Weihnachten 1872 brach die britische Challenger zu einer dreijährigen Forschungsfahrt auf. Ihr Auftrag war die Erforschung der Tiefsee, die chemische Untersuchung des Meerwassers sowie die Untersuchung der Lebensverteilung in allen Tiefenschichten des Meeres. Mit dieser Fahrt begann die moderne Meeresforschung. Leiter der Expedition war der britische Zoologe Charles Whyville Thomson (1830 –  1882). Gemeinsam mit dem deutschen Biologen Rudolf von Willemoes-Suhm (1847 – 1875) forschte er in einem etwa 20 qm großen Schiffslabor, das mit Mikroskopen, Botanisiertrommel, Harpunen und einem gut bestückten Bücherregal ausgestattet war.

Seit 2013 hat dieses Labor als Miniatur Aufnahme in die Sammlungen des Deutschen Museums gefunden. Das Modell ist eines von 140 Dioramen, die im neu erschienen Bestandskatalog Wirklichkeit und Illusion beschrieben werden.
Dioramen sind schaukastenartige, dreidimensionale Präsentationen von Alltagssituationen, Produktionsprozessen oder historischen Ereignissen vor gemaltem oder photographiertem Hintergrund. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Abgrenzung zu anderen museumsdidaktischen Darstellungsformen wie dem Panorama nicht immer einfach zu ziehen ist. Anspruch des Dioramas ist die Imitation der Wirklichkeit, wobei aus didaktischen Gründen jedoch Abweichungen eingebaut werden müssen. So erscheinen etwa die Modelle von Maschinen oder Werkshallen aufgeschnitten, um wichtige Produktionsvorgänge zu verdeutlichen.
Wie Andrea Lucas in ihrem Katalogbeitrag zeigt, reichen die Wurzeln des Dioramas bis in die Renaissance zurück. Schon die Trompe-l’oeil-Malerei verfolgte den Anspruch, die Wirklichkeit realitätsgetreu zu imitieren. Eine weitere Annäherung an dieses Ziel gelang dann im 19. Jahrhundert mit dem nach Louis Daguerre (1787 – 1851) entwickelten photographischen Verfahren. Schon seit dem 18. Jahrhundert waren Guckkästen beliebte Jahrmarktattraktionen. Sie boten dem Betrachter einen exklusiven, fokussierten Einblick in eine bestimmte Szenerie im Innern des Apparates. Die Pariser Weltausstellung des Jahres 1867 zeigte u. a. lebensgroße Puppen zur volkskundlichen Trachtenpräsentation vor gemaltem Landschaftshintergrund. Und die Berliner Gewerbeausstellung von 1896 lockte die Besucher mit einem Nachbau der Aussichtswarte am Ochser vor einem riesigen Alpenpanorama.
Lucas verweist darauf, dass die Dioramen von Beginn an in dem von Oskar von Miller (1855 – 1934) begründeten Deutschen Museum beim Publikum sehr beliebt waren. Von Millers Zugang zu Dioramen scheint zudem durch sein Hobby des Krippenbaus geprägt gewesen zu sein. In dieser Kunst kann eine weitere ideen- und modellbaugeschichtliche Wurzel der Dioramenentwicklung gesehen werden.
Die 140 im Katalog beschriebenen Modelle stammen aus der Zeit von 1909 bis 2013. Ihre thematische Bandbreite reicht von der altägyptischen Wasserversorgung bis zum „John F. Kennedy-Raumfahrtzentrum" der NASA von 1969. Dargestellt werden ferner die Sternwarte des indischen Jaipur um 1750, eine germanische Hüttensiedlung, das Taj Mahal, die Beleuchtungstechnik des Münchener Hauptbahnhofs von 1879, das Tauernkraftwerk sowie Amundsens Nordpolexpedition mit dem Flugboot Dornier „Wal" (1925). Die Autoren betonen die zum Teil sehr aufwendigen Recherche- und Konstruktionsarbeiten, die mitunter Forschungsreisen und das Studium historischer Quellen wie Briefe, Konstruktionspläne oder alte Photos notwendig machten. Die Aufarbeitung der Modelle stellt somit ein Stück Museumsgeschichte dar.
Zu dieser zählt auch, dass scheinbar unverfängliche Dioramen gerade in der Zeit des Nationalsozialismus zu einem Politikum wurden. Die Autoren zeigen am Beispiel der germanischen Frühgeschichte, dass sich Besucher in den 1930er Jahren über die vermeintliche Primitivität der im entsprechenden Modell dargestellten germanischen Lebensweise beschwerten. Daher musste es 1939 so umgebaut werden, dass es den Vorgaben der nationalsozialistischen Ideologie zur angeblichen Hochwertigkeit des Germanentums sowie zur Rollenverteilung innerhalb der Familie entsprach. Wie das Modell des Tauernkraftwerks zeigt, durften bestimmte technische Anlagen aus Geheimhaltungsgründen nicht originalgetreu abgebildet werden. Daher flossen hier idealtypische Modellkonstruktionen ein – die die Realität ebenfalls verzerrten.
Als didaktische Mittel ergänzen Dioramen heute Hand-Ons, Bildschirme sowie Touchscreens und bieten dem Besucher durch ihre detaillierte Umsetzung einen eigenen Reiz. So wurden die Buchmodelle, die das Bücherregal des Challenger-Labors füllen, mit jeweils eigenen Umschlägen überzogen, und auch die Mikroskopmodelle orientieren sich an den Mikroskopen der Zeit.
Zu den Schwierigkeiten bei der Erstellung von Dioramen zählt ihre Fokussierung auf bestimmte Aspekte der Realität. Thomson gibt als aufrecht am Tisch sitzender Expeditionsleiter der Challenger per Hand eine Anweisung an den ihm untergeordneten Willemoes-Suhm. Dieser öffnet in gebückter Haltung eine Schublade, die in Fächer unterteilt ist und das systematisierende Wissen der Zeit symbolisieren könnte. Somit kann es zwischen didaktisch-anschaulicher Vermittlung und Stereotypen nur ein schmaler Grat sein.
Der reichbebilderte Katalog gibt einen fundierten Einblick in die Geschichte der präsentierten Dioramen. Er richtet sich nicht nur an Historiker, Museumsfachleute und Modellbauer. Auch interessierten Besuchern wird ein Blick hinter die Kulissen und Konzeptionen von Ausstellungsobjekten vermittelt.

Martin Schneider, MA, Trostberg

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