Buch-Tipps & Buchbesprechungen

     

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Max J. Kobbert:
Diamant und Schneekristall.  Faszinierende Welt der Kristalle mit über 400 Farbaufnahmen in 3D.
Verlag Dr. Friedrich Pfeil. München 2016. 152 S., 419 Abb. , € 36,–/sFr. 45,40

ISBN 978-3777626178

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Gotthilf Hempel, Kai Bischof, Wilhelm Hagen (Hrsg.):
Faszination Meeresforschung. Ein ökologisches Lesebuch.
2. Aufl. Springer Verlag. Heidelberg, Berlin 2017. 573 S., 220 Abb., € 39,99/sFr. 52,90
 

ISBN 978-3831204243

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A. Wais, T. Steinhilber (Hrsg.):
Archäologie erleben – 60 Ausflüge in die Vergangenheit.

Theiss Verlag. Darmstadt 2017. 184 S., 250 Abb. und Karten, Zeitleiste, Register,
€ 22,–/sFr. 32,90

ISBN 978-3806234671

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B. P. Kremer:
88 verblüffende Pflanzen.
Die erstaunlichen Kniffe unserer Blumen, Sträucher und Bäume.
Ulmer Verlag. Stuttgart 2017 € 19,90/sFr. 28,90

ISBN 978-3-8001-0899-2

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N. Lane:
Der Funke des Lebens.
Energie und Evolution.
Theiss Verlag. Darmstadt 2017. 382 S., 37 Abb., Reg., € 29,95/sFr. 41,90

 

ISBN 978-3806234848

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W. Li:
„Für unser Glück oder das Glück anderer"
– Vorträge des X. Internationalen Leibniz-Kongresses,
Band 6. Hannover, 18. – 23. Juli 2016. Georg Olms Verlag. Hildesheim 2017. 858 S., Abb., € 98,-/sFr. 124,90

ISBN 978-3487154398

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H.-P. Ludin, J. Rothweiler:
200 Jahre Parkinsonsyndrom 1817 – 2017.

Schwabe Verlag. Basel 2017. 150 S., 74 Abb., € 28,-/sFr. 31,90

 

ISBN 978-3796536441

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E. Stein, A. von Boetticher (Hrsg.):
Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz.
Texte und Bilder zu seinen Erkenntnissen und Erfindungen in den Dauer- und Wanderausstellungen der Universität Hannover.
Georg Olms Verlag. Hildesheim 2017. 339 S., Abb., 24,95/sFr. 42,90

ISBN 978-3487154725

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G. Madaus:
Lehrbuch der biologischen Heilmittel.

Georg Olms Verlag. Hildesheim 2016. Reprint, 3 Bände, 3036 S., 599 Abb., € 258,00/sFr. 326,–

ISBN 978-3487154688

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B. Wermelinger:
Insekten im Wald.
Vielfalt, Funktionen und Bedeutung.
Haupt Verlag. Bern 2017. 368 S., 580 Abb. € 49,90/sFr. 51,–

ISBN 978-3258079936

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Buchbesprechungen

     

Max J. Kobbert:
Diamant und Schneekristall.  Faszinierende Welt der Kristalle mit über 400 Farbaufnahmen in 3D.
 

Mit diesem repräsentativen Band liegt eine allgemeinverständliche, reich bebilderte Monographie über Wasser und Diamant vor. Wer das frühere Buch Wunderwelt Bernstein: Faszinierende Fossilien in 3D von Max Kobbert kennt, freut sich zu Recht auf die beiliegende CD mit 331 zauberhaften Stereoaufnahmen. Seine beiden Favoriten – Diamant und Eis – sind als transparente Minerale von Natur aus weitgehend farblos, und so geht bei der verwendeten Anaglyphentechnik mit der Rot/Cyan-Brille, die dem Band beiliegt, nichts Wesentliches verloren.
Durch den leicht lesbaren Text führen poetische Kapitel-Titel, die durchaus wörtlich zu verstehen sind, wie etwa „Aus Himmel und Unterwelt", „Einschlüsse – Botschaften aus fernen Welten" oder „Der Kosmos in uns". Angefangen mit dem Makrokosmos eindrucksvoller Schneelandschaften und herrlicher Flugaufnahmen von Gletschern und Eisbergen führt die reich bebilderte Reise durch die verschiedenen Aggregatzustände von Wasser, zu optischen Phänomenen wie Regenbogen, Halo, Korona und Glorie bis hin zu den mikroskopischen hexagonalen Kristallstrukturen, die aufgrund der Dipolstruktur des Wassermoleküls entstehen.
So präsentiert der Autor eine umfassende Kulturgeschichte der beiden Hauptfiguren. Er klärt das Geheimnis des „Brockengespenstes", das im Harz beheimatet ist und viele in Schrecken versetzt hat. Bei den natürlichen Schneeplastiken, die in nordischen Ländern als Kobolde und Wichtel wahrgenommen wurden, spielt der erfahrene Photograph bei seinen künstlerisch eindrucksvollen Schnee- und Eislandschaften mit Licht und Schatten. Er zeigt, wodurch der Reiz von Eisblumen am Fenster, von Kondensstreifen der Flugzeuge und allen abgebildeten Wolkengattungen entsteht, nämlich durch Lichtstreuung. Einzelbilder aus Zeitlupenaufnahmen machen die ebenso erstaunlichen wie vergänglichen Kleinplastiken sichtbar, die ein ins Wasser fallender Tropfen schafft. Tautropfen widmet der Autor ein eigenes Gedicht. Beiläufig lernt man, warum bei Warmduschern der Duschvorhang an den Beinen klebt, und man erfährt, dass die Evolution unseren Körper quasi als Meerwasserkapsel von außen nach innen gekehrt hat.
Ein kurzer Ausflug in die Chemie und Physik des Wassers erklärt, warum sich durch Wasserstoffbrücken Tetraederstrukturen und ebene hexagonale Formen bilden, die sich bis in die makroskopischen Schneekristalle fortsetzen. Schon Kepler (1610) zeigte sich „vom sechseckigen Schnee" fasziniert, und Wilson A. Bentley (1931) photographierte ab 1885 mehrere Tausend Schneekristalle, von denen niemals zwei völlig identisch sind. Man erfährt, dass Eiskristalle bei –5
°C vor allem in Richtung der Symmetrieachse auswachsen und Eisnadeln bilden, bei –15 °C dagegen senkrecht dazu, was die hexagonalsymmetrischen Schneesterne mit ihren bizarren Dendriten entstehen lässt. Schneeflocken sind Aggregate von Schneekristallen und sehen ganz anders aus als Kunstschnee, der hauptsächlich aus sechskantigen Prismen besteht und deutlich härter ist als natürlicher Schnee.
Eingehend schildert der Autor die Folgen der Dichte-Anomalie von Wasser. Vor der Erfindung des Dynamits nutzten Steinhauer gefrierendes Wasser als Sprengstoff! Zum selben Zweck bohrte man im alten Ägypten Löcher in den Fels, schlug trockene Holzkeile hinein und ließ sie dann durch Wasser aufquellen. Nebenher erfährt man, wie man selbst Stereoaufnahmen vom Mond herstellen kann, auf dem ja auch Wassereis vorkommt, ebenso wie auf anderen Objekten im Weltraum und auch in interstellaren Wolken – auf dem Planeten Ceres kommt es sogar zu Kryovulkanismus.
Wie das Wasser, das durch Kometen („schmutzige Eisbälle") auf die Erde gelangte, stammt auch der Grundbaustein des Diamanten – der Kohlenstoff – aus dem Weltraum. Noch immer rieseln Staubreste zweier Supernovae aus der kosmischen Nachbarschaft auf die Erde. Ob der Kohlenstoff, der auf der Erde Diamantstruktur annahm, anorganischen oder organischen Ursprungs ist, bleibt strittig. Der Anteil der Kohlenstoffisotope spricht oft für die Herkunft aus organischem Material. Entstanden sind Diamanten jedenfalls in drei verschiedenen, distinkten geologischen Zeiträumen: vor 3,3, vor 2,9 und vor 1,9 Milliarden Jahren. Entstehungsort sind magmatische Zonen in 150 bis 800 km Tiefe bei Temperaturen von 900
° bis 1300 °Celsius und Drücken von über 4,5 Gigapascal, also 45-mal so hoch wie der Wasserdruck in den tiefsten Meeresgräben. An die Erdoberfläche gelangten die Diamanten durch Vulkanausbrüche, bei denen sie mit doppelter Schallgeschwindigkeit herausgepresst werden mussten. Erfolgte die Eruption langsamer, verbrannten sie an der Luft zu Ruß oder Graphit. Die Primärlagerstätten von Diamanten sind also Vulkanschlote.
Zur Kulturgeschichte des Diamanten gehört die Legende von Sindbad dem Seefahrer aus 1001 Nacht, die um das Jahr 500 auch in China bekannt war. Legende ist auch die Unzerstörbarkeit des Diamanten. Mit Bild und Provenienz werden
die historisch bekanntesten Diamanten vorgestellt. Die altindischen Wertmaßstäbe spiegeln sich in den berühmten „4C" wider: das Gewicht (carat), die Farbe (color), die Reinheit (clarity) und die Form (cut). Die Farbe kann durch radioaktive Bestrahlung oder hohen Druck und/oder Temperatur künstlich verändert werden.
Die Wunschform des Rohdiamanten ist der „Spitzstein", ein reguläres Oktaeder, das gleichzeitig die älteste Schliffform repräsentiert. Kobert beschreibt, worin die große Kunst des Diamantschleifens besteht, und wie man aus Rohdiamanten die leuchtenden, glitzernden Objekte der Begierde gewinnt. Dass man Diamant nicht in beliebigen Winkeln anschleifen kann, erkannte man schon 1330 in Venedig, wo die erste Diamantschleiferei entstand. Beim Versuch, ihn in unzulässigen Winkeln anzuschleifen, widersetzt sich der Diamant und wird rotglühend, was zu blinden Stellen führt. Bedenkt man das Bonmot der klassischen Schleiferei, dass man den größten Teil der Arbeitszeit auf dem Werkstattboden verbringt auf der Suche nach weggeschleuderten Diamantbruchstücken, versteht man die hohen Kosten des Schleifgewerbes.
Die heutige Lasertechnik hat aber die Möglichkeit der Formgebung noch wesentlich erweitert. Einen Rohdiamanten zu zersägen dauerte mit der klassischen mechanischen Methode mehrere Wochen; heute schafft das ein Laser in 15 Minuten. 1919 wurde mit dem Brillantschliff eine Form erfunden, Brillanz, Leuchtkraft und Farbspiel des Diamanten zu optimieren. Hierfür sorgen innere Totalreflexion und Lichtbrechung mit starker chromatischer Farbdispersion, für die der hohe Brechungsindex von 2,42 verantwortlich ist.
Es ist erstaunlich, welche Vielfalt an Strukturen reiner Kohlenstoff formen kann, angefangen vom ebenen Graphit über das biegsame Graphen bis hin zu Fullerenen, Nanoröhren und Nanothreads – Fäden mit der 100fachen Zugkräftigkeit von Stahl, die geeignet wären für das Projekt eines Weltraumaufzugs in den Erd-Orbit. Kristallisieren kann Kohlenstoff in Gestalt von vier „platonischen Körpern", zu Polyedern von höchstmöglicher Symmetrie. Die Grundform der Elementarzellen des Diamanten ist kubisch, und je nach den Umgebungsbedingungen entwickelt sie sich zu Oktaedern, Rhomben-Dodekaedern, zu Würfeln oder Tetraedern. Industriediamanten, von denen jährlich über 100 Tonnen künstlich hergestellt werden, können auch Kuboktaeder bilden, eine Zwischenform von Oktaeder und Würfel. Durch Zusatz von Stickstoff oder Bor lassen sich farbige Diamanten erzeugen.
Echter Diamant unterscheidet sich von vielerlei Imitaten durch seine Härte, sein spezifisches Gewicht und der Abwesenheit von Doppelbrechung, wie sie Kalkspat zeigt. Diamant hat die vierfache Wärmeleitfähigkeit von Kupfer, deshalb fühlt er sich bei Zimmertemperatur kalt an. Anhand des Infrarot-Absorptionsspektrums lässt er sich von synthetischen Diamanten unterscheiden. Im Kapitel „Verborgene Farben der Diamanten" schildert der Autor, dass Diamanten in verschiedenen Farben fluoreszieren, wenn sie submikroskopische Partikel aus Bor enthalten. Innere Spannung lässt Diamanten optisch aktiv werden, so dass sie zwischen Polarisationsfiltern durch „Rotationsdispersion" ein unglaubliches Farbspiel erzeugen. Gelegentlich enthalten sie auch Einschlüsse von anderen Mineralen, die Zeugnis der geologischen Urgeschichte abgeben. Wie auch bei Bernstein, sind diese Einschlüsse aus Peridotit („P-Typ") oder Eklogit („E-Typ") faszinierende Zeitkapseln aus der Erdgeschichte. Sie tragen Signaturen aus unterschiedlichen Erdzeitaltern und können Aufschluss über Prozesse geben, die vor 1,9 bis 3,3 Milliarden Jahren stattfanden. Umgekehrt können andere Minerale Mikrodiamanten enthalten, die z. B. durch Einschläge großer Meteorite erzeugt worden sind.
Die meisten Diamanten, die zwischen Erdkruste und Erdmantel entstanden sind, haben sich zu Graphit umgewandelt, bevor sie die Erdoberfläche erreichten. Selbst aus dem Weltraum treffen Diamanten ein. Man hat Mikrodiamanten in Meteoriten gefunden, und es gibt gute Gründe für die Prognose, dass sich unsere Sonne zuletzt in Diamanten umformen wird: Nachdem sie sich in etwa sieben Milliarden Jahren zu einem Roten Riesen aufgebläht hat, wird sie als diamanthaltiger weißer Zwerg enden, der hauptsächlich aus Kohlenstoff besteht. Man schätzt, dass über 30% des Kohlenstoffs im Weltraum in Form von Diamanten vorliegt!
Im Schlusskapitel „Der Kosmos in uns" weist der Autor auf die erstaunliche Tatsache hin, dass die chaotische Alchimistenküche der Natur solch ebenmäßig gebaute Kristalle hervorbringt – aus genau den chemischen Elementen, aus denen zum größten Teil auch unser Körper besteht, Sauerstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff.
Im Anhang stellt der Autor auf drei weiteren Seiten in 10 Abbildungen seine photographische Ausrüstung vor: drei verschiedene Stereokameras sowie drei Eigenkonstruktionen von stabilen Repro-Stativen samt Balgengerät und Makroobjektiv, montiert auf schwenkbaren Stativarmen, die gewährleisten, dass das Aufnahmeobjekt stets im Schnittpunkt des Schwenkwinkels bleibt – die Vorbedingung für einwandfreie stereoskopische Abbildung. Welch hoher technischer Aufwand getrieben wurde, zeigt sich in der Tatsache, dass bei beiden 3D-Halbbildern die Stacking-Technik verwendet wurde. Bis zu 120 hochaufgelöste Einzelbilder mit geringer Schärfentiefe werden dabei am Computer zu einem tiefenscharfen Gesamtbild verarbeitet.
Bei manchen der Makro- und Mikroaufnahmen wünschte man sich eine Größenangabe, die in der Legende leicht unterzubringen wäre (z. B. „Bilddiagonale 4 mm"). Das Stichwortverzeichnis ist knapp, so fehlt z. B. der Begriff „Karat". In den Anmerkungen, die den Text ergänzen, werden viele aktuelle Online-Adressen genannt sowie 31 Literaturzitate.
Kurzum: Diamant und Schneekristall ist ein Buch für Liebhaber wunderbarer, hochästhetischer Naturobjekte, das nebenher eine Vielfalt von Informationen vermittelt. Man legt es nicht so schnell wieder aus der Hand.

 

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Gotthilf Hempel, Kai Bischof, Wilhelm Hagen (Hrsg.):
Faszination Meeresforschung. Ein ökologisches Lesebuch.

Faszination Meeresforschung – ein ökologisches Lesebuch
ist eine breite Informationsquelle für alle, die sich für den Lebensraum Meer interessieren. Maßgeblich koordiniert von den Herausgebern G. Hempel, K. Bischof und W. Hagen berichten 92 Autorinnen und Autoren anhand von 48 Beiträgen zu den sieben Themengebieten: Pelagial – der größte Lebensraum, Plankton und Nekton, Am Boden der Ozeane, Küstennahe Ökosysteme, Meeresökologie in Zeiten des Klimawandels, Fischerei und Marikultur, Forschungspraxis der Meeresökologie.
Die weitgespannte Übersicht über den aktuellen Kenntnisstand führt vom Strand bis in die Tiefsee, von den Polargebieten in die Tropen und stellt alle Größenordnungen der Meeresbewohner vor – von den Walen bis zu den Bakterien. Gerade die unscheinbaren Organismengruppen sind von Bedeutung: So umfassen die Mikroorganismen im Sediment der Tiefsee ca. 10% der gesamten Biomasse der Erde. Das lichtmikroskopisch nicht erkennbare Bakterioplankton mineralisiert 60% der vom Phytoplankton aufgebauten organischen Substanz. Das ein- bis wenigzellige Phytoplankton produziert fast so viel Biomasse wie der Regenwald und damit die Hälfte des atmosphärischen Sauerstoffs. Der mikrobiologische Erkenntnisstand hat seit der Erstauflage des Buches vor zehn Jahren große Fortschritte gemacht; das wird in unterschiedlichem Zusammenhang im ganzen Buch deutlich.
In vielen Kapiteln wird der Einfluss des Menschen auf die diversen Lebensräume und ihre ökosystemaren Beziehungen behandelt. Küstenbereiche sind durch Hafen- und Verkehrsanlagen sowie Sand- und Kiesabbau degradiert; die Mangroven können nicht mehr als Schutz gegen Sturmbrandungen und „Kinderstube" für Fische fungieren, nachdem sie weiträumig abgeholzt und zu Shrimp-Farmen konvertiert wurden.
Das Pelagial (und auch der Meeresboden) ist heute eine riesige Plastik-Müllkippe; Mikroplastik ist selbst im arktischen Meereis nachweisbar. Die großen Plastikstrudel in den Ozeanen werden zwar erwähnt, mögliche Gegenmaßnahmen allerdings nicht.
Dass ein eigenes Kapitel der Meeresökologie in Zeiten des vom Menschen maßgeblich verursachten Klimawandels behandelt wird, hat seine Berechtigung, unterschätzen doch die meisten Menschen die vielfältigen Effekte des atmosphärischen CO2-Anstiegs. Die Temperaturerhöhung der oberen Wasserschichten hat einen geringeren Sauerstoff-Gehalt zur Folge; die stabile Schichtung bremst die vertikale Konvektion (lebenswichtig z. B. in der Ostsee). In immer rascherer Folge auftretende Korallenbleichen bedrohen die hoch diversen Korallenriffe. In der Nordsee hat sich die Temperatur in den letzten 50 Jahren um 1,7 °C erhöht; Migranten aus wärmeren Meeren breiten sich aus; so hat die pazifische Auster die Miesmuschelbänke überwachsen. Fischbestände verschieben sich. In der Arktis ist durch das schwindende Packeis nicht nur der Eisbär, sondern auch der Polardorsch bedroht. Ca. 30% des atmosphärischen Kohlendioxids löst sich im Meer. Diese CO2-Anreicherung führt u. a. zu physiologischen Belastungen und zu Verhaltensstörungen (z. B. Orientierungslosigkeit bei jungen Anemonenfischen). Dies ist nur einer der subtilen Effekte, die in dem Buch zur Sprache kommen und den Lesern eine Vorstellung von der Vielfalt ökologischer Verknüpfungen geben.
Gravierend wirkt sich auch die pH-Absenkung („Versauerung") aus: Die Skelettbildung der Steinkorallen wird erschwert und bei fortschreitender CO2-Emission unterbunden. Die Korallenpolypen leben zwar weiter, bauen aber kein robustes Riffgerüst mehr auf; damit geht der Küstenschutz von 109 Ländern verloren. Im Plankton-Nahrungsnetz sind Kalkbildner, z. B. Coccolithophoriden, Foraminiferen und Flügelschnecken, ebenso betroffen. Ihre Wachstums- und Reproduktionsraten sind reduziert mit Auswirkungen bis zu den oberen Endgliedern der Nahrungskette. Kalmare (pelagische Tintenfische) verlieren ihre Orientierung im versauerten Ozean, wenn ihre Kalk-Statolithen allzu porös werden.
Der Klimawandel, der hauptsächlich von „fortschrittlichen" Industrienationen befeuert wird, ist ein Beispiel für eine globale anthropogene Einflussnahme. Ein anderes Beispiel ist die Weltfischerei, der, ihrer Bedeutung angemessen, ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Eine rücksichtslose, subventionierte Expansion der Großfischerei reduziert nicht nur die Fischbestände vor den Küsten der Fischereinationen, sondern auch in den offenen Meeren und in den Polargebieten; sie beraubt auch Kleinfischern (vornehmlich der Entwicklungsländer) ihre Existenzgrundlage. Die Effektivität der Fischortung und der Fanggeräte bei den Hochsee-Fischdampfern ist in den letzten Dekaden stark gestiegen. Durch die bevorzugte Jagd auf Arten an der Spitze der Nahrungspyramide (Räuber wie Thunfische, Haie, Kabeljau) ist diese Stufe der Nahrungskette verarmt; daher richtet sich der Fokus zusätzlich auf eine Stufe tiefer in der Nahrungspyramide (Planktonfresser: z. B. Hering, Sardinen) – „fishing down marine food webs". Topräuber werden dennoch als Beifang vernichtet. Der größte Teil des Beifangs geht allerdings auf das Konto der Schleppnetzfischerei. Beim Grundschleppnetzfang wird nicht nur eine große Masse an Fischen verschwendet, sondern auch die Bodenstruktur (Schutz für Jungfische) platt gewalzt. Die Autoren gehen auf die jüngeren Bemühungen der EU ein, das Prinzip Nachhaltigkeit in der Fischereiwirtschaft einzuführen, mit dem Ziel, durch Erhalt hinreichend reproduktionsfähiger Bestände einen dauerhaften Ertrag zu erwirtschaften. Maßnahmen hierfür sind Limitierung der Zahl der Fangschiffe, Regulierung der Maschenweite der Netze und Einrichtung von Schutzgebieten. Entscheidend für den Erfolg sind allerdings hinreichende Kontrollen. Nicht angesprochen wird das brisante Thema Meeresbergbau. Die Gewinnung von Manganknollen vom Tiefseeboden hätte gravierende Langzeitfolgen. Entsprechende, von der Industrie geforderte Unternehmungen implizieren nicht nur technische und ökologische Probleme, sondern berühren auch das internationale Seerecht.
Der letzte Themenblock widmet sich der Forschungspraxis. Allgemein bekannt ist der Einsatz von Forschungsschiffen, Mess-Bojen und ausgeklügelten Unterwasser-Robotern zum Sammeln von Material und Daten. Aber es geht auch um neue und neueste Methoden wie die Analyse von DNA-Fragmenten (barcoding) zur Erfassung des Arteninventars, die nicht nur dem kompletten Organismus entnommen, sondern auch aus Wasser- und Sedimentproben gewonnen werden. Als virtuelle Laboratorien dienen Computer-gestützte Modellierungen, die bei Manipulation einzelner ökosystemarer Einflussgrößen eine Vorausschau hinsichtlich komplexer Systeme – z.B. Überfischung, Klimawandel – erlauben. Die generelle Aussage von G. Hempel, dass die deutsche Meeresforschung an den Küstenstandorten stattfindet, erscheint zunächst eingängig, verkennt aber den Beitrag, den die Forschungsstätten des Binnenlandes spielen. Genannt seien nur die Entwicklung der Tauchboote GEO und JAGO und ihr Einsatz bei der Erforschung mesophotischer Korallenriffe und des Verhaltens der Quastenflosser.
Jedes Kapitel wird durch einige Internet- und Literaturhinweise ergänzt. Vielen Kapiteln wird Hintergrundwissen in eigenen (oft knapp gefassten) Text-Boxen angefügt. Die Box 32.1 „Frisst der Meeresspiegelanstieg die Korallenriffe?" informiert den Leser allerdings nicht hinsichtlich der aktuellen Situation. Es ist richtig, dass viele Riffe mit dem zeitweilig rasanten Meeresspiegelanstieg nach der letzten Eiszeit Schritt halten konnten („keep-up reefs", es gibt aber auch „give-up reefs"!). Der geologische Blickwinkel verkennt aber den „Ökofaktor Mensch": Eine aktuelle Studie an 60 Riffen in der Karibik und bei Hawaii weist einen Niveauverlust der Riffoberfläche von 9 bis 80 cm gegenüber dem Meeresspiegel nach [K. Yates et al., Biogeosciences 14, 1729 (2017)]. Bei einem aktuellen Meeresspiegelanstieg von 3 mm/Jahr müsste ein Riff zu mindestens 50% mit lebenden Korallenkolonien bestanden sein, um entsprechend mitwachsen zu können, wie frühere Studien zeigten [D. Hopley et al., Recent Adv. Mar. Sci. Technol. PACON 96, 305 (1997)]. Dieser Bedeckungsgrad wird nur noch an seltenen Stellen erreicht; vielmehr verhindern häufiges Bleaching (allein das Große Barriere-Riff hat zwei katastrophale Korallenbleichen binnen eines Jahres erlitten) und die zunehmende Schwächung der Skelettbildung infolge Versauerung die Bereitstellung des notwendigen biogenen Kalkmaterials. Die Bewohner der Atoll-Inseln von Kiribati (Pazifik) müssen jetzt schon mit Trinkwasser und Nahrungsmitteln versorgt werden, weil vermehrte Stürme ihr Grundwasser versalzen und das Sanitärsystem zerstört haben. Bei forciertem Abschmelzen von Festlandeis wird sich diese prekäre Situation noch verschärfen.
Diese Anmerkungen können den insgesamt positiven Eindruck nicht trüben. Das vorliegende Buch gibt einen wahrlich faszinierenden Einblick in die vielen Facetten eines geradezu unendlichen Lebensraumes. Für Lehrende, Studierende und Laien ist das Buch eine immense Fundgrube an Wissen, das man in solch kompakter und wie im Titel versprochen lesbarer Form nicht wieder findet.

Prof. Dr. Helmut Schuhmacher, Essen

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