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Titelbild NR 01/2017: Leben zwischen den Zeilen. Dieses Bild zeigt einen Bücherskorpion (Cheiridium museorum), der über die Zeilen seiner erstmaligen Erwähnung in der Literatur läuft. Es ist eine Textstelle der Historia animalium des Aristoteles (Buch V, Kap. 32): „Andere entstehen in Büchern, manche ähnlich wie die in Kleidern, andere wie Skorpione, aber ohne Schwanz und ganz klein.“
Der Ausdruck „in Büchern“ steht für en toîs biblíois. Biblos war ursprünglich ein Wort für Schriftrollen und stammt von der phönizischen Stadt gleichen Namens, dem wichtigsten Umschlagplatz der Antike für Papyrus. Mit „entstehen“ ist Urzeugung gemeint. Die Phrase „manche ähnlich wie die in Kleidern“ könnte sich auf die Kleiderlaus beziehen und damit auf die den Tierläusen ähnliche Bücherlaus (Liposcelis) hinweisen. In dem „ganz kleinen Skorpion ohne Schwanz“ wird gemeinhin der Pseudoskorpion Chelifer cancroides gesehen. Der britische Spezialist für Pseudoskorpione Gerald Legg hält hingegen das kleinere und gegen Austrocknung resistentere Cheiridium museorum für den Bücherskorpion des Aristoteles. Zu dieser Art gehörte auch der einzige Bücherskorpion, den unser Autor A. Fürst von Lieven je in einem Buch gesehen hat (vgl. Beitrag S. 20).
Alle hier genannten Gliederfüßer, die bei entsprechender Luftfeuchtigkeit Bücher mit holzhaltigem Papier besiedeln, sind ursprünglich Bewohner von Tiernestern. Alte, von Cellulose-abbauenden Bakterien und Pilzen befallene Bücher sind für sie ein alternativer Lebensraum. Die Bücherläuse ernähren sich von Pilzhyphen und Krümeln der Leimbindung, während die Bücherskorpione Jagd auf die Bücherläuse machen. Bei der Suche nach den Darstellern für den Film Leben zwischen den Zeilen fanden sich Cheiridium museorum in einem vor Regen geschützten alten Amselnest und Chelifer cancroides in den Bienenstöcken des Instituts für Zoologie in Berlin-Dahlem, aus denen er schon von Peter Weygoldt für seine berühmte Arbeit zum Paarungsverhalten der Pseudoskorpione gesammelt wurde [P. Weygoldt: Vergleichende Untersuchungen zur Fortpflanzungsbiologie der Pseudoskorpione. Z. Morph. Ökol. Tiere 56, 39 (1966)].
Wie der Name andeutet und von Aristoteles zutreffend hervorgehoben wurde, handelt es sich nicht um Skorpione, die viel größer sind und einen schwanzartigen, beweglichen Körperabschnitt mit Giftdrüse und Stachel aufweisen. Beide Gruppen gehören zu den Spinnentieren (Cheliceraten/Arachnida). Während Skorpione weltweit in den Tropen und Subtropen beheimatet sind und mit nur wenigen Arten auch in gemäßigten Breiten vorkommen, besiedeln die nur millimetergroßen Pseudoskorpione alle möglichen geschützten terrestrischen Lebensstätten (Falllaub, Rinde, Tiernester u.a.), wohin sie sich zum Teil durch größere, mobile Tiere tragen lassen.
[Standbild aus dem Kurzfilm „Leben zwischen den Zeilen“ von A. Fürst von Lieven und H. Purrmann (microfaunafilm 2010)]

PD Dr. Alexander Fürst von Lieven, Freie ­Universität Berlin

     
   
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Annette Hille-Rehfeld:

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    Claus-Peter Hutter und Karin Blessing: 
    Vom archaischen Leben mit der Natur zur Umweltbildung 4.0 – Versuch einer Chronologie
     
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    Alexander Fürst von Lieven und Marcel Humar:
    Aristoteles’ zoologische Schriften – Der Anfang einer Sprache der Biologie
     
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Kann Genom-Editing die Tierzucht revolutionieren?

Die klassische Zuchtwahl bei Nutztieren erfordert einen langen Atem, da die Generationsintervalle lang sind und die genetischen Grundlagen der Vererbung züchterisch interessanter Merkmale häufig komplex. Inzwischen kann die Technik des Genom-Editing, deren Präzision, Effizienz und Schnelligkeit seit Jahren an Modellorganismen der Grundlagenforschung optimiert wird, auch in der Tierzucht klassische Zuchtziele beschleunigen oder ganz neue Optionen erschließen. Daher wird es Zeit, auch die Tierzucht in die öffentliche Diskussion über Anwendungen des Genom-Editing einzubeziehen.
 

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Vom archaischen Leben mit der Natur zur Umweltbildung 4.0 – Versuch einer Chronologie

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