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Titelbild NR 9 – Rippenqualle Mnemiopsis leidyi.
Diese unter dem deutschen Namen Meerwalnuss bekannte Rippenqualle kommt natürlicherweise in den temperaten und subtropischen Meeresgebieten entlang der Atlantik­küste Nord- und Südamerikas vor. Die bis zu 12 cm langen Tiere halten sich bevorzugt in den oberflächennahen Wasserschichten auf, wo sie sich mit ihren in acht Bändern (Rippen) angeordneten Wimpernplatten – von denen hier einige im Licht farbig aufleuchten – mit dem Mund­ende voran (links unten) fortbewegen. Das Bild lässt einige der charakteristischen Merkmale der Rippenquallen erkennen: Acht Wimpernbänder, radiärer Bau, weitgehend durchsichtiger, aus Gallerte bestehender Körper, blind endender Darm, dessen Öffnung zugleich Mund und After ist. Der Mund liegt hier links der Körpermitte, davor liegen die mit Muskelzellen ausgestatteten Mundlappen (Kennzeichen der lobaten Rippenquallen), die das Tier zu stoßweisen Schwimmen in aborale Richtung befähigen. Vieles erinnert an die Quallen (Medusen), die sich jedoch durch rhythmisches Pumpen ihres Schirmes fortbewegen und ihre Beute mit Hilfe von Nesselkapseln (Cniden) lähmen, wohingegen die Rippenquallen Klebzellen zum Beutefang einsetzen. Weitere wichtige Unterschiede sind, dass Medusen als Geschlechtstiere mit bodenlebenden, sich ungeschlechtlich vermehrenden Polypen in einem Generationswechsel stehen, während die Ctenophoren keine zwei Lebensformen mit einem solchen Generationswechsel aufweisen und zwittrig sind.
Mnemiopsis leidyi lebt wie alle Rippenquellen carnivor und kann einen erheblichen Einfluss auf die marine Lebensgemeinschaft ausüben. Die Meerwalnuss geriet verschiedentlich in die Schlagzeilen: In den 1980er Jahren wurde sie zu einem gravierenden Problem für die Fischereiwirtschaft und das gesamte Ökosystem, als sie – vermutlich im Ballastwasser von Frachtschiffen aus dem Golf von Mexiko – ins Schwarze Meer eingeschleppt wurde, von wo sie in das Marmarameer und das Asowsche Meer einwanderte und durch Schiffe weiter bis ins Kaspische Meer gelangte. Mittlerweile wird sie im Schwarzen Meer von einer anderen, zu diesem Zweck eingeführten Rippenqualle (Beroe) kontrolliert. 2006 wurde die Meerwalnuss auch in der Ostsee nachgewiesen, von wo sie später in die Nordsee vordrang. Vermutlich stammten diese Tiere aus den Küstengewässern Neuenglands. – Die Sequenzierung des Genoms von Mnemiopsis leidyi durch Wissenschaftler des US-amerikanischen National Human Genome Institute ließ diese Rippenqualle in jüngster Zeit nochmals im Mittelpunkt des Interesses stehen, weil sie zu einem von den meisten Zoologen unerwarteten Ergebnis führte (vgl. S. 444).
[Photo Stefan Siebert, Brown University, Providence, RI/USA. National Human Genome Institute, Bethesda, Maryland www.genome.gov ] Rd
  

     
   
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    Stefan Schmeja:
    Rosetta: Auf der Suche nach dem Ursprung des Sonnensystems
     
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    Rippenquallen (Ctenophora) und die frühe Evolution der vielzelligen Tiere – Unerwartete molekularbiologische Befunde im Lichte historischer Konzepte und Debatten
     
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Rosetta: Auf der Suche nach dem Ursprung des Sonnensystems

Mit ihrer Rosetta-Mission hat die Europäische Raumfahrtorganisation ESA ein neues Kapitel in der Erforschung des Sonnensystems aufgeschlagen. Während die Muttersonde Rosetta um den fernen Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko kreiste, setzte sie die Lander-Sonde Philae ab, die im Verlauf des Abstiegs einzigartige Bilder und Daten lieferte. Auch wenn der Philae nicht auf dem Landeplatz stehenblieb, sondern mehrfach abprallte und damit nicht alle vorgesehenen Experimente ausführen konnte, so wurden viele neue und überraschende Einsichten über den Kometen gewonnen, die im Beitrag vorgestellt und diskutiert werden.
 

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Rippenquallen (Ctenophora) und die frühe Evolution der vielzelligen Tiere – Unerwartete molekularbiologische Befunde im Lichte historischer Konzepte und Debatten

Die Rippenquallen (Ctenophora) gehören zu den wenig bekannten Tiergruppen. Zusammen mit den Nesseltieren (Cnidaria) spielen sie eine erhebliche Rolle in den Weltmeeren. Im Vordergrund des Beitrags steht die Bedeutung der Ctenophoren für das Verständnis der Evolution der Vielzeller. Unter anderem wegen des Besitzes echten Gewebes und eines Nervensystems sollen die Rippenquallen zusammen mit den Nesseltieren den bilateralsymmetrischen Tieren (zu denen das Gros der Vielzeller gehört) nächst verwandt sein. Als ursprungsnächste Gruppe der Vielzeller werden dagegen die Schwämme angesehen. Molekulargenetische Untersuchungen haben diese Sicht radikal in Frage gestellt: Demnach nehmen die Ctenphoren eine ursprungsnahe Stellung ein, nicht die „viel einfacheren“ Schwämme. Der Autor greift Debatten aus der Zeit des 19. Jahrhunderts auf und zeigt, dass die Ergebnisse im Lichte der konstruktionsmorphologischen Überlegungen, wie sie in den 1970er Jahren am Frankfurter Forschungsinstitut Senckenberg angestellt wurden, keineswegs überraschend sind.
 

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