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Titelbild NR 9/2017: Mückenfledermaus, ein Jäger über den Gewässern. Mit einer Spannweite von 18 bis 24 cm und einem Gewicht von nur 4 bis 8 g ist die Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus) die kleinste Fledermaus Europas. Sie wurde erst Mitte der 1990er Jahre von der sehr ähnlichen Zwergfledermaus (P. pipistrellus) unterschieden. Erste Hinweise auf ihre artliche Eigenständigkeit gab die um etwa 10 kHz höhere Hauptfrequenz ihrer Ortungslaute („55-kHz-Zwergfledermaus“). Die Mückenfledermaus besiedelt vor allem Auwälder und gewässernahe Laub- und Mischwälder. Sie ernährt sich vor allem von kleinen, in Gewässernähe fliegenden Insekten wie Eintagsfliegen und Zuckmücken. Die Gewässeroberfläche ist durch besondere akustische Eigenschaften ausgezeichnet, so dass Fledermäuse über dem glatten Wasser fliegende Beute mit Hilfe ihrer Ortungsrufe leicht detektieren können. Vertikale Flächen mit vergleichbaren Reflexionseigenschaften gibt es in der Natur nicht und werden dementsprechend auch nicht als mögliches Hindernis wahrgenommen. Glatte Fassaden und große Glasflächen werden von Mückenfledermäusen, aber auch von anderen Fledermäusen daher oft nicht rechtzeitig erkannt, was fatale Kollisionen zur Folge haben kann (vgl. Kurzbericht S. 467).
Pipistrellus pygmaeus ist mit Ausnahme vom Nordwesten in fast ganz Deutschland anzutreffen. Trotz der erst in jüngerer Zeit vorgenommenen artlichen Unterscheidung sprechen die Beobachtungen für eine anhaltende Ausbreitung nach Westen. Ein Teil der Tiere überwintert in Gruppen im Fortpflanzungsgebiet und sucht dazu Baumhöhlen oder Spaltenquartiere auf, ein anderer unternimmt im Herbst bis zu 1000 km weite Flüge in S-SW-Richtung, um Winterquartiere aufzusuchen.
[Photo Dietmar Nill, Mössingen. Literatur: E. Grimmberger: Die Säugetiere Mitteleuropas. Quelle & Meier. Wiebelsheim 2017. – BfN: Internethandbuch zu den Arten der FFH-Richtlinie, Anhang IV]

 Rd

     
   
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Johannes Sander:

    Unorthodoxe Formen der Chromosomenweitergabe bei Eukaryoten
Aus dem Kuriositätenkabinett der Natur
     
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    Wilhelm Bode:
    Konsistenz – zur Kritik der forstlichen Nachhaltigkeit
     
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    ASTRONOMIE
    Merkwürdiger Weißer Zwerg als Relikt einer laxen Supernova
    Sonnenfinsternisse als ideale Objekte der Bürgerwissenschaft
     
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    Nachweis biogener organischer Gruppen aus dem Archaikum
     
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     Gleitfliegende Säugetiere der Jurazeit
     
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    Neandertaler und Homo sapiens – frühe Begegnung 
     
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    Europas Flüsse und ihre Fluten
     
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    Zunehmende Dürreperioden schwächen Ökosysteme
     
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    Bildung und Wachstum vulkanischer Inseln
     
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    Giftige Schleimfische
     
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    Vokale Mimikry beim Kuckuck-Weibchen
     
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    Akustische Täuschung gefährdet Fledermäuse
     
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    Nahrungsstress verändert bei Bakterien das Mutationsmuster
     
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    Artenvielfalt von Bergahorn-Weiden
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    Schimpansen revanchieren sich für prosoziales Verhalten
     
     
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Eva Jablonka, Marion Lamb:
Evolution in vier Dimensionen. Wie Genetik, Epigenetik, Verhalten und Symbole die Geschichte des Lebens prägen.
 

   

Jürgen Tautz, Diedrich Stehen:
Die Honigfabrik. Die Wunderwelt der Bienen
eine Betriebsbesichtigung
 

   

Ludwig Fischer:
Brennnesseln – ein Portrait
 

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Max-Heft der Max-Planck-Gesellschaft, Sommer2017

Roland Wengenmayr:
Echte Knochenarbeit – wie Forscher die Tricks der Natur entschlüsseln
     
   
     
   
   

Unorthodoxe Formen der Chromosomenweitergabe bei Eukaryoten
Aus dem Kuriositätenkabinett der Natur


Die Chromosomentheorie der Vererbung, die Anfang des 20. Jahrhunderts von dem US-amerikanischen Arzt Walter Sutton und dem in Würzburg tätigen Biologen Theodor Boveri aufgestellt wurde, gehört zu den Meilensteinen der Genetik. Sie machte die mikroskopischen Studien zur Zellteilung und insbesondere zur Reifeteilung im Zusammenhang mit der Gametenbildung verständlich. Seitdem gibt es die lehrbuchartigen Darstellungen, wie die Chromosomen in der Generationenfolge weitergegeben werden. Damit verbunden ist die Annahme, dass die in einer befruchteten Eizelle vorliegenden mütterlichen und väterlichen Chromosomen gemeinsam bei der Merkmalsausbildung zum Zuge kommen. Doch es gibt auch verblüffende Ausnahmen, von denen unser Autor Beispiele aus dem Tier- und Pflanzenreich vorstellt.
 

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Konsistenz – zur Kritik der forstlichen Nachhaltigkeit 

Der aus der traditionellen Forstwirtschaft stammende Begriff der Nachhaltigkeit hat eine lange Geschichte, was nahelegt, dass die Waldwirtschaft ein leuchtendes Beispiel der ökologischen Nachhaltigkeit sei. Dem ist aber gerade nicht so: Bei der nachhaltigen Holzwirtschaft geht es primär darum, Holz jederzeit „mobilisieren“ und effektiv „ernten“ zu können. Der „Altersklassenwald“, der in weiten Teilen Deutschlands noch praktiziert wird, ist Ausdruck dieser Wirtschaftsweise. Idealerweise soll er alle 80 bis 120 Jahre eine reiche Ernte hochwertigen Holzes liefern, doch macht ihn die gleichförmige Zusammensetzung auch anfällig für Kalamitäten, so dass der überwiegende Teil des Holzes von jüngeren und oft geschädigten Bäumen stammt. Der Autor plädiert für den Dauerwald – einen an der Dynamik natürlicher Wälder orientierten Nutzwald mit gestaffelter Altersstruktur und gemischtem Bestand, aus dem kontinuierlich Einzelbäume hoher Qualität geschlagen werden, so dass die über Jahrhunderte aufgebauten systemischen Zusammenhänge zwischen Boden, Pflanzen und Tierwelt, die den ökologische Wert von Wäldern ausmachen, bewahrt bleiben.
 

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